14. Februar 2011

Opposition will weitere Schritte sehen

Während der regierende Armeerat zu "Ruhe und Ordnung" aufruft, fordert die Opposition weitere Schritte in Richtung Demokratie.

Ein Treffen von acht Vertretern der jungen Opposition mit zwei Mitgliedern der obersten Armeeführung am Sonntag wurde von den Vertretern der Opposition - darunter Wael Ghonim und Amr Salama - als erfreulich beschrieben. Die Vertreter der Armee versicherten, der Weg zu freien Wahlen sei unumkehrbar, man würdigte die Verdienste der Opposition für das Land und forderte zur Gründung von Parteien auf. Zudem kündigten die Generäle an, die Kommission für die Verfassungsänderungen innerhalb der nächsten zehn Tage zu berufen und die Verfassungsänderungen innerhalb der nächsten zwei Monate zur Volksabstimmung zu stellen. Auf die Frage nach einer echten Übergangsregierung, die die bisherige Opposition einschließt, verwiesen die Generäle auf die Dringlichkeit ihrer Entscheidungen und das diese nicht endgültig seien. Angesprochen auf die noch Inhaftierten, baten die Armeevertreter um eine Liste und versprachen sich um deren Freilassung zu kümmern.

Heute präzisierte die "Koalition der jungen Revolutionäre", die gestern mit den Generälen mit am Tisch saß, ihre Forderungen für den Übergang zur Demokratie auf einer Pressekonferenz. Die "Koalition" fordert eine neue Übergangsregierung aus Fachleuten mit einer zivilen Person an der Spitze, die den Respekt und das Vertrauen des Volkes genießt. Die NDP-Mitglieder des bestehenden Kabinetts sollen aus diesem entlassen werden. Es sei unmöglich, dass die Verantwortlichen für die Korruption, die ein Auslöser der Revolution sei, den Übergang betreuten. Das neue Parlament solle eine Verfassung ausarbeiten, welche eine parlamentarische Republik konstituiert, die Macht des Präsidenten beschränkt und eine klare Gewaltenteilung vorsieht. Die Vertreter der "Koalition" betonten, dass das Treffen am Sonntag nur ein Vorgespräch war und kein Beginn von Verhandlungen.

In einem Papier, das auf der Pressekonferenz verteilt wurde, wurde weitere Forderungen aufgelistet: Aufhebung des Ausnahmezustande; Abschaffung des Kriegsrechts und der Standgerichte; Demontierung der NDP und Beschlagnahme ihres Vermögens zugunsten des Staates; Achtung des Rechts, Verbände, Gewerkschaften und Medien zu gründen; Auflösung des berüchtigten Staatssicherheitsapparates und die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Ferner fordert die "Koaltion" in dem Papier die Abschaffung der restriktiven Gesetze über Parteigründungen innerhalb von zehn Tagen und den Entwurf eines Gesetzes zur Ausübung der politischen Rechte innerhalb eines Monats. Um das politische Engagement der Jugend zu fördern, soll das Alter der Wählbarkeit zum Parlament von 30 auf 25 und das zum Präsidenten von 40 auf 35 gesenkt werden.

Ebenfalls heute teilte der britische Außenminister William Hague mit, dass der geschäftsführende Premierminister Ahmed Shafiq ihm in einem Gespräch gesagt habe, dass eine Umgestaltung des Kabinetts, die in der nächsten Woche geschehen soll, Persönlichkeiten aus der Opposition einschließen würde.

Das Innenministerium zieht seine Bilanz

Das Innenministerium hat heute eine erste Bilanz über die Verluste der Polizeibehörden veröffentlicht. Sechs Offiziere, elf Polizisten und fünfzehn Wehrpflichtige (die Wehrpflicht wird auch in der Polizei abgeleistet) sind umgekommen. Über 1.000 Personen wurden verletzt. Außerdem gingen neunundneunzig Polizeiwachen und sechs Gefängnisse in Flammen auf. Daneben sind viele Polizeifahrzeuge zerstört worden.

Menschen wollen mehr Lohn - Armeerat drängt auf Ende der Streiks

In einer weiteren Erklärung hat der Armeerat auf ein Ende der landesweiten Streiks und Proteste gedrängt. "In dieser schwierigen Zeit haben die Streiks nur negative Folgen", heiß es in der Erklärung. Die Proteste würden unverantwortliche und illegale Handlungen erleichtern. Im Interesse der Sicherheit, Stabilität und Wirtschaft sei jeder Bürger und die Gewerkschaften aufgefordert, eine konstruktive Rolle zu spielen.

Es streiken u.a. Busfahrer, Krankenwagenfahrer, Textilarbeiter und auch die Beschäftigten an den Großen Pyramiden. Hauptforderung ist stets die nach höheren Löhnen. Oft wird auch die Entlassung der meist korrupten Firmenleitung gefordert. So fordern z. B. die Beschäftigten der "Bank of Alexandria" eine Untersuchung der Privatisierung ihrer Bank.

Vor welchen sozialen Problemen die Leute stehen, soll ein kleines Beispiel verdeutlichen. Heute haben Tunnelarbeiter eine der Hauptverkehrsader Cairos, einen Tunnel, blockiert. Ihnen war am Donnerstag die Festanstellung versprochen worden. Teilweise arbeiten sie seit elf Jahren(!) als Zeitarbeiter ohne Krankenversicherung. Die Tunnelarbeiter sind besonders häufig von Asthma betroffen und ihr Monatsgehalt übersteigt nie 300 ägyptische Pfund, das sind ca. 38 Euro. (Zum Vergleich: Ein Laib Brot kostete in Ägypten zeitweise 0,5 Pfund, ein Kilo Tomaten kostet 8 Pfund, ein Kilo Fleisch 30-50 Pfund und für eine einfache Wohnung in Cairo zahlt man mehr als 200 Pfund). Dazu sollte man noch wissen, dass es in Ägypten in der Praxis zwei Gesundheitssysteme gibt. Ein privates, das kein normaler Mensch bezahlen kann. Und das öffentliche, welches hoffnungslos überlastet ist und in dem es schnelle Behandlung nur gegen Bestechung gibt.

13. Februar 2011

Sechs Monate Militärregierung - Mubarak-Kabinett bleibt

Die Armeeführung hat nun in einer weiteren Erklärung ihre Pläne verkündet. Hier die wesentlichen Punkte:
  • Die Armeeführung wird mit dem Verteidigungsminister Tantawi an der Spitze das Land für sechs Monate regieren.
  • Das letzte Kabinett von Mubarak bleibt ihm Amt, die Minister führen die Amtsgeschäfte weiter
  • Das Parlament ist aufgelöst, ebenso das Oberhaus.
  • Die Verfassung ist suspendiert. Es wird eine Kommission gebildet, die Vorschläge für eine Verfassungsreform entwickeln soll. Diese Reform soll durch eine Volksabstimmung bestätigt werden.
  • In sechs Monaten werden freie Wahlen abgehalten. Die Regierung, die sich danach bildet, wird die Macht vom Armeerat übernehmen.
Damit ist Tantawi De-facto-Präsident von Ägypten. Der Militärrat behält sich vor, Gesetze zu erlassen. Die alten Minister der Mubarak-Regierung bleiben an den Schaltstellen der Macht. Auch allen anderen Staatsfunktionäre.

Wichtig ist auch, was der Armeerat nicht erwähnt hat. Die Aufhebung des seit 30 Jahren andauernden Ausnahmezustandes wird nicht in Aussicht gestellt, geschweige denn verkündet. Auch kein Wort zu den zahlreichen politischen Gefangenen, die noch inhaftiert sind.

Kurz vor der Erklärung des Armeerates hat der Premierminister Ahmed Shafiq eine Pressekonferenz abgehalten. Kernaussage war, dass es nun das oberste Ziel sei, die Sicherheit für die Bevölkerung wieder herzustellen und zur Normalität zurückzukehren. Zudem bestätigte er den Rücktritt des Informationsministers El Feky. Das dieser versucht hat, aus dem Land zu fliehen und unter Hausarrest steht, erwähnte er nicht. Meldungen, wonach mehrere aktuelle Minister von einem Ausreiseverbot betroffen sind, kommentierte er mit den Worten, dass es für Minister üblich sei, sich die Genehmigung für Auslandsreisen einzuholen. Neben den Posten des Informationsministers scheinen noch andere zur Zeit nicht besetzt zu sein, da Ahmed Shafiq betonte, man wolle Sorgfalt bei der Neubesetzung der vakanten Stellen walten lassen. Welche Posten dies sind, sagte er nicht.

Erste Reaktionen sind begeistert bis skeptisch. Von "Dies ist der Sieg der Revolution." bis "Es bleibt noch so viel zu tun, wozu sie nichts gesagt haben." reichen die Äußerungen. Andere sind noch skeptischer: "Das ist ein Mubarak-Regime ohne Mubarak."

Hauptkritik ist, dass es keine Übergangsregierung unter Beteiligung der Opposition gibt, sondern dass es das alte Kabinett ist, das die Geschäfte führen soll, und dieses fast vollständig der NDP angehört. Und das so eine unglaubwürdige Person wie der Premierminister Shafiq an zentraler Stelle bleibt, schafft auch nicht gerade Vertrauen. Zudem wurde kritisiert, dass ein neuer Informationsminister gesucht wird statt das Ministerium komplett abzuschaffen. Ein solches Informationsministerium ist charakteristisch für einen autoritären Staat.

Wie die Kommission besetzt wird, die die neue Verfassung entwerfen soll, ist nicht klar. Eventuell kann es sogar die sein, die Mubarak noch ernannt hat.

Auch dass alle Gouverneure und die anderen Funktionsträger im Amt bleiben sollen, stößt auf Kritik. So haben Oppositionelle in Suez die Entlassung des Gouverneurs und des Polizeichefs gefordert und wollen am Montag demonstrieren, wenn diese noch im Amt sind. Der Gouverneur von Alexandria hat ein anderes Problem: Er war so verhasst, dass man ihm schon am 28. Januar den Amtssitz abgefackelt hat - inklusive einer hochmodernen Überwachungszentrale zur Kontrolle der Bevölkerung.

Die Justiz scheint teilweise einen eigenen Kurs zu fahren. Zahlreiche Ermittlungsverfahren zu Korruptionsvorwürfen wurden eröffnet. Ebenso wie Ermittlungen gegen den ehemaligen Innenminister wegen des Schießbefehls auf Demonstranten sowie gegen den ehemaligen Informationsminister und seine Handlanger wegen der Beeinflussung der staatlichen Medien.

Die soziale Situation in Ägypten ist katastrophal. So müssen 40% der Menschen mit weniger als 2 Dollar am Tag überleben. Deshalb sind in den letzten Tagen zahlreiche Streiks ausgebrochen, die hauptsächlich Lohnerhöhungen als Forderung haben. Letzte Meldungen berichten, dass der Armeerat Gewerkschaftstreffen und Streiks verbieten will. Das wäre ein schwerer Rückschlag für die demokratischen Kräfte.

12. Februar 2011

Alles unklar - Armeeführung hält sich sehr bedeckt

Außer dass Ägypten einen neuen Präsidenten braucht, ist nichts klar. Die Nachrichtenlage ist teilweise widersprüchlich. So heißt es, der Informationsminister Anas El Feky* stehe unter Hausarrest nach einem Fluchtversuch. Gleichzeitig hat der Armeerat bekanntgegeben, dass alle Minister kommissarisch in ihren Amt bleiben bis eine neue Regierung gebildet ist. Diese Entscheidung wird auch schon kritisiert. Die demokratischen Kräfte erwarten die schnelle Bildung einer Übergangsregierung der nationalen Einheit unter Einbeziehung der bisherigen Opposition. Die Armeeführung hat bisher keinerlei Anstalten gemacht, was in diese Richtung ginge. Auch die Entscheidung des Armeerates, alle Gouverneure im Amt zu belassen, dürfte angesichts von Vorgängen wie in Ismaliya heftige Kritik auslösen. Die Gouverneure wurden vom Präsidenten, also Mubarak, ernannt und waren ihm auch rechtlich direkt unterstellt.

Die Armeeführung hat bisher nur betont, dass sie den Übergang zu einer zivilen Regierung will. In welchem Zeitraum dies geschehen soll und wie dies geschehen soll, dazu wurde nichts gesagt. Das undemokratische Parlament ist bisher nicht formell aufgelöst worden. Ein Richter des Verfassungsgerichtes, das laut Armeeführung mit ihnen zusammenarbeitet, äußerte gestern, er halte die Verfassung für aufgehoben und viele sehen das auch so. Doch auch zur Verfassungsfrage hat sich die Armeeführung nicht geäußert.

Die Ausgangssperre wurde von der Armeeführung gelockert, fragt sich nur, ob sich jemand überhaupt um diese schert. Die Aufhebung des 30-jährigen Ausnahmezustandes wurde neuesten Meldungen zufolge für den nächsten Freitag in Aussicht gestellt, wenn die Lage ruhig bleibt.

*Nachtrag: Der Premierminister Ahmed Shafiq gab mittlerweile bekannt, dass der Informationsminister El Feky seinen Rücktritt eingereicht und er diesen angenommen habe.

11. Februar 2011

10. Februar 2011

Nichts! Gar nichts!

Nach all den Ankündigungen, auch der Armeeführung, kam von Mubarak nichts! Gar nichts! Er bleibt! Er gibt die Geschäftsführung an den Chef-Folterer Suleiman ab, bleibt aber Präsident. Er bleibt Herr über eine mögliche Verfassungsreform und die mögliche Auflösung des Parlaments.

Und Suleiman sprach danach: "Geht nach Hause! Hört nicht auf die ausländischen Satelliten-Sender!"

In seiner Rede sagte Mubarak: "Ich habe für dieses Land gelebt, ich würde für dieses Land sterben." Antwort vom Tahrir-Platz: "Können wir einrichten."

Weitere Stimmen aus dem Volk: "Geh! Geh!", "Ab in den Nil mit ihm!", "Stellt ihn vor Gericht!", "Suleiman, geh auch Du!" und "Kommt aus euren Häusern, Mubarak wird uns in einem Sarg verlassen!" Auch Rufe nach der Armee wurden laut.

Die Forderungen ägyptischer Revolutionäre

Was immer in der allernächsten Zukunft passiert - von einem Militärputsch und Ausrufung des Kriegsrechts bis zu einem geordneter Übergang -, wichtig ist, gerade jetzt Forderungen von Aufständischen, die über den Rücktritt von Mubarak hinausgehen, bekannt zu machen. Es geht nicht nur um Mubarak. Neben "Mubarak verschwinde!" war "Das Volk verlangt den Sturz des Regimes!" die wichtigste Parole auf den Demonstrationen.

Die folgenden Forderungen wurden nach "vielen Diskussionen aufgestellt" wie die Autoren schreiben. Sie fahren fort: "Sie sind nicht reräsentativ für alle, die an den Diskusionen teilnahmen." Trotzdem zeigen sie klar die Richtung, wohin die demokratischen Kräfte wollen.
  1. Rücktritt von Präsident Mohammad Hosni Mubarak
  2. Aufhebung des Ausnahmezustandes
  3. Abschaffung des Geheimdienstes für Staatssicherheit
  4. Die Erklärung Omar Suleimans, dass er nicht bei der nächsten Präsidentschaftswahl antritt.
  5. Auflösung des Parlaments und der "Beratenden Versammlung" (eine Art Oberhaus)
  6. Freillassung aller seit dem 25. Januar Festgenommenen
  7. Aufhebung der Ausgangssperre und Rückkehr zum normalen Leben in allen Landesteilen
  8. Abschaffung der Universitätsgarden (besondere Polizeieinheiten zur Überwachung der Universitäten)
  9. Ermittlung der Verantwortlichen für Gewalt gegen friedliche Demonstranten seit dem 25. Januar und der offiziellen Organisierung der Überfälle auf friedliche Demonstranten nach dem 28 Januar
  10. Entlassung von Anas El Feky (Informationsminister) und die Beendigung der Medien-Kampagne vom "Landesverrat" gegen die Revolution und Ende der Hetze gegen Ausländer
  11. Entschädigung der Ladenbesitzer für ihre Verluste durch die Ausgangssperre
  12. Verkündung der Forderungen über Radio und Fernsehen
Für die Übergangsphase:
  1. Entwurf einer neuen Verfassung
  2. Das Recht, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender zu betreiben ohne vorherige Genehmigung 
  3. Einführung eines Mindestlohnes
  4. Das Recht, poltische Parteien zu gründen (ohne staatliche Genehmigung)
  5. Das Recht, Gewerkschaften und Verbände zu gründen (ohne staatliche Genehmigung)
  6. Echte Unabhängigkeit der Medien und die dafür notwendige Änderung von Gesetzen und Institutionen
  7. Keine Ableistung der Wehrpflicht bei der Polizei
Unterzeichnet ist das Dokument mit "Bloggers aus Ägypten".

9. Februar 2011

Belagerung des Parlaments

Gestern ist ein Zug von Demonstranten vom Tahrir-Platz zum Parlament gezogen. Seit dem wird das Parlament belagert. Auch in der Nacht harrten die Demonstranten aus und schliefen auf Decken vor dem Gebäude. Heute dauerte die Belagerung an. "Wenn die Politiker uns nicht hören, müssen wir ihnen eben unsere Botschaften direkt überbringen" hieß es aus den Kreisen der Aufständischen. Und es wurde ein Schild angebracht: "Geschlossen bis zum Sturz des Regimes". Um das Parlament zu schützen, hat erstmals in der Geschichte Ägyptens die Armee das Parlamentsgelände betreten. Die Soldaten machen aber keine Anstalten, die Demonstranten zu vertreiben.

Die Regierungspartei NDP hat eine Mehrheit von 80% in der "Ägyptischen Volksversammlung". Die "Wahlen" Ende 2010 waren alles andere als frei, geheim und fair. Oppositionelle Kandidaten wurden nicht zugelassen, eingeschüchtert und verprügelt. Hierbei wurden die Schlägerbanden seitens des Regimes eingesetzt, die auch letzte Woche die Demonstranten am Tahrir-Platz brutal angegriffen haben. Am Wahltag wurden massiv Wähler am Wählen gehindert und kam es sogar zu Toten. Die sofortige Auflösung dieses Parlaments ist eine der Forderungen der Opposition.

Kentucky Fried Chicken und der Aufstand

Die Propangda der staatlichen Medien treibt immer absurdere Blüten. So sahen "anständigen Bürger" Ägyptens, dass einige Demonstranten am Tahrir-Platz Produkte von Kentucky Fried Chicken aßen. Viele riefen daraufhin staatliche Medien an, weil das ja ein "Beweis" sei, dass die Aufständischen vom Ausland gesponsort seien. Und die staatlichen Medien hatten nichts Besseres zu tun, als diesen Unsinn zu verbreiten.

Merke: Denunziantentum und Dummheit gehen gern Hand in Hand.

Übrigens:

Revolte auch in Ismailiya

In Ismailiya (285.000 Einwohner, gelegen am Westufer des Suezkanals) haben Bewohner ein Regierungsgebäude gestürmt und das Auto des Gouverneurs angezündet. Unter den Demonstraten sollen hauptsächlich Bewohner eines Slums gewesen sein. Seit Jahren forderten sie die Verbesserung ihrer Wohnsituation, nie ist etwas passiert. Einige wohnen seit 15 Jahren in behelfsmäßigen Hütten.

Diese Wohnverhältnisse sind kein Einzelfall. Allein in Cairo wohnen etwa ein Viertel bis ein Drittel der Menschen in Slums ohne Kanalisation und ohne Müllabfuhr.

Fünf Tote in der Oase Kharga

Leider haben sich die Gerüchte bestätigt: In der Oase Kharga  gab es fünf Tote und etwa 100 Verletzte. Das berichtet AFP unter Berufung auf Ärzte vor Ort. Alle wurden durch Polizeikugeln getötet.

08.01.2011: Größte Demonstrationen seit Beginn des Aufstandes

Die Berichterstattung über Ägypten war gestern in Deutschland recht kurz angesichts dessen, dass z.B. die BBC berichtete, dass es die größten Demonstrationen seit Beginn der Protestbewegung waren. Wahrscheinlich sind die Medien mal wieder gesättigt und solange nichts Dramatisches passiert, was spektakuläre Bilder liefert, wird die Berichterstattung heruntergefahren.

Dabei ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land. Seine islamischen Lehrstätten haben großen Einfluss auf die sunnitische Richtung des Islams (ca. 90% der Moslems sind Sunniten). Führende Prediger Ägyptens, die bisher von Staat bezahlt werden, haben sich auf die Seite der Opposition geschlagen. Einer erklärte: "Seit dem ich offen sage, was ich denke, fühle ich mich näher bei Gott." Uns scheint so etwas merkwürdig, aber die Religion ist dort eine Kraft, die nicht zu unterschätzen ist. Deshalb wäre es auch so wichtig, wenn in diesem großen islamisch geprägten Land eine Demokratie errichtet werden kann. Die ganzen Vollidioten von Al Qaida und Co. sind deshalb über die Entwicklung in Ägypten auch überhaupt nicht begeistert und erklären, Demokratie sei "unislamisch" und das ganze vom Westen gesteuert (da sind sie sich mit der ägyptischen Regierung einig).

Hier nochmal ein kleiner Eindruck von gestern:

Tahir-Platz 08.02.2011

- Vizepräsident Suleiman, der offensichtlich zur Zeit der "operative" Präsident ist, hat gefordert, dass die Proteste "schnell" aufhören. Wenn nicht, drohte er damit, das "etwas" passieren würde. Auf Nachfragen, ob er damit einen Militärputsch meine, verneinte er dies, sondern sprach von einer "Kraft, die nicht vorbereitet ist, zu regieren." Dunkle Andeutungen gehören zum täglichen Geschäft dieses Herren, schließlich ist der Geheimdienstchef, der auch persönlich an Folterungen beteiligt war: http://english.aljazeera.net/indepth/opinion/2011/02/201127114827382865.html%20
Die Reaktion der Opposition auf diese Drohungen des Vizepräsidenten lauten in etwa: "Womit will der uns drohen? Das Militär hat seit über 50 Jahren die Macht. Wir leben bereits in einer Diktatur."

- Herrn Suleimans Äußerungen vom Montag, die Ägypter seien nicht reif für eine Demokratie, wurden gestern von einem Sprecher des Weißen Hauses als "nicht hilfreich" bezeichnet. Immerhin hat man sich seitens der USA nun auch zu der Forderung durchgerungen, den seit über 30 Jahren(!) bestehenden Ausnahmezustand in Ägypten "sofort" aufzuheben.

- Abdullah Kamal, der Herausgeber einer regierungsnahen Zeitung, hat über die Demonstrationen gesagt: "Dies sind keine Demonstrationen des Ärgers und der Wut, sondern von Mördern, die das alles zerstören wollen, was anderen wichtig ist." Während der Westen solche Worte nimmt und sie mit den relativ moderaten von anderen Funktionären vergleicht, um dann über "Risse im System" zu berichten, sieht die Opposition eher das alte Spiel "Guter Bulle, böser Bulle" aufgeführt. - Übrigens fordern jetzt Mitarbeiter der Zeitung den Rücktritt von Kamal.

- Ausländische Korrespondenten werden weiter behindert. Sie werden von Soldaten kontrolliert und wenn keine Akkreditierung vorliegt, an der Arbeit behindert. Neue Akkreditierungen werden aber nicht ausgestellt.

- Das Staatsfernsehen schwankt zwischen Ignorieren der Proteste und z.B. einer tränenreichen Inszenierung, in der ein "Insider" berichtet, die Proteste seien von "Ausländern" unterstützt. http://www.youtube.com/watch?v=8slRy1JhLT8 

- Gestern waren Leute auf den Demos, die da noch nie waren. Insbesondere auch Leute, denen es wirtschaftlich verhältnismäßig gut geht. Daneben gab es andere Aktionen. Z.B. haben mehrere hundert Anwälte beim Generalstaatsanwalt eine Petition eingereicht, die fordert, dass die Herkunft des Vermögens von Mubarak untersucht wird. Ein Tabubruch in Ägypten.

- Tweet von Cornel West, eines schwarzen Bürgerrechtlers aus den USA, an die Opposition: "Martin Luther King, Jr. smiles on you from the grave, your courage resurrects his spirit! "

- Letzte Meldungen berichten von schweren Zusammenstößen in der Oase Kharga im Südwesten des Landes (Oasen sehen nicht wie im Film aus, wo nur ein Wasserloch ist und drei Zelte stehen, sondern sind große landwirtschaftlich genutzte Gebiete, in denen gern mal mehrere tausend Leute wohnen oder gar eine Stadt existiert). Die Polizei soll Wasser und Strom abgestellt haben, das Büro der Regierungspartei NDP soll in Flammen stehen, mindestens ein Polizeifahrzeug ebenso. Es wurde von der Polizei scharf geschossen. Mindestens 8 Leute sind schwer verletzt, es gibt (unbestätigte) Meldungen über Tote. Auslöser der Auseinandersetzungen sind ebenso noch unbekannt. Video: http://www.youtube.com/watch?v=XXFGpRfKL-I